Arbeitslosigkeit

Wechselbäder

Vor Beginn der Arbeitslosigkeit besteht die Hoffnung, einen Job zu finden, um möglichst nicht arbeitslos zu werden.

Zu Beginn der Arbeitslosigkeit besteht die Hoffnung, nur vorübergehend arbeitslos zu sein, und die Befürchtung, langzeitarbeitslos zu werden. Mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit schwindet die Hoffnung auf Arbeit und verstärkt sich die Befürchtung keine Arbeit zu finden. Man muss einen Weg finden, die eigene Situation akzeptieren zu können, dennoch die Hoffnung zu bewahren und weiter zu versuchen, die Situation zu ändern.

Wer arbeitslos wird oder ist, wird im Allgemeinen ohne Akklimatisierungsphase in Wechselbäder aus heiß brodelnden Hoffnungen und eiskalten Enttäuschungen getaucht, sei es bei Jobsuche, Bewerbungen, Zwischenmitteilungen, Einladungen und Absagen, bei Behördenterminen, bei Gesprächen mit Freunden, Verwandten, Bekannten und ehemaligen Kollegen oder durch die Berichterstattung der Medien.

Stigma Arbeitslosigkeit

Die Zahl der Arbeitslosen und die Dauer der Arbeitslosigkeit haben in den vergangenen Jahren in Deutschland zugenommen. Im Dezember 2005 wies Deutschland mit 9,5% die vierthöchste Arbeitslosenquote in der EU auf und lag deutlich über dem EU-Durchschnitt von 8,5%11. Die Anzahl der Erwerbstätigkeiten hat zwar im EU-Durchschnitt über mehrere Quartale zugenommen, doch in Deutschland als einzigem von 25 EU-Ländern hat sie weiterhin abgenommen12. Dennoch wird Arbeitslosigkeit hierzulande stigmatisiert.

Arbeitslosigkeit passt nicht in das Bild der Leistungs- und Erfolgsgesellschaft, es gefährdet die scheinbar heile Welt. Dazu gehört auch die Auffassung, dass Arbeitslose an ihrer Situation selbst schuld seien, aus welchen Gründen auch immer.

So gibt es immer noch eher pauschale Vorhaltungen und Vorbehalte gegenüber Arbeitslosen statt Rückhalt für sie.

Denn jedem Arbeitslosen wird unterstellt, er sei

Missbrauch

Der Missbrauch von Sozialleistungen hat einen hohen Stellenwert in der öffentlichen Diskussion, wobei gern mit Dunkelziffern statt mit realitätsbezogenen Zahlenwerten argumentiert wird. Nicht jeder, der sich zum Thema äußert, weiß, wovon er spricht oder schreibt und betreibt mit einer sprachlichen Verfehlung einen Missbrauch der Begriffe. Das trifft gleichermaßen auf Politiker, Medienmitarbeiter und Stammtischrunden, aber sogar auf Mitarbeiter der Arbeitsagentur und der Jobcenter zu. Da werden Begriffe wie „Hartz-IV-Empfänger” verwendet und wird über Personen, die „Hartz IV” erhalten, diskutiert.

Arbeitslose erhalten in der Regel Arbeitslosengeld und sind somit Arbeitslosengeld-Empfänger oder auch ALG2-Empfänger. „Hartz IV” ist die Bezeichnung für den vierten Entwurf mit Vorschlägen zu Gesetzesänderungen beim SGB und ist allenfalls noch die Bezeichnung für das vierte Paket der so genannten „Gesetze zur Reform des Arbeitsmarktes”.

Herr Hartz war die hauptverantwortliche Person für die Vorschläge, die in den ersten bis vierten Entwurf für die Änderungen beim SGB einflossen und hat inzwischen seinen Hut in seinem eigentlichen Job genommen, weil sich herausstellte, dass seine Weste nicht so weiß war, wie sie hätte sein sollen.

Inwieweit wird bei mancher Diskussionen um Missbrauch von Sozialleistungen das vermutete Fehlverhalten der Person, die für die Vorschläge zu den Gesetzesänderungen bei Sozialleistungen verantwortlich ist, auf die Bezieher dieser Sozialleistungen übertragen, obwohl Arbeitslose kein Geld von Herrn Hartz, sondern Leistungen nach dem SGB erhalten?

Selbstwert

Wer erstmals arbeitslos wird und wer vor der Arbeitslosigkeit lange Zeit berufstätig war, ist ungeübt im Umgang mit der Arbeitslosigkeit und hat sich gezwungenermaßen besonders intensiv mit sich selbst und Äußerungen aus seinem persönlichem Umfeld zu befassen.

Als Arbeitsloser beginnt man meistens um so mehr an sich selbst, seinen Fähigkeiten und seinem Wert auf dem Arbeitsmarkt zu zweifeln, je länger man arbeitslos ist und je mehr Absagen man auf seine Bewerbungen erhält.

Die zunehmenden Zweifel können sich auch dann einstellen, wenn man über Jahre hinweg immer wieder nur relativ kurz befristete Arbeitsverhältnisse findet, während andere Mitarbeiter, die weniger belastbar sind, die weniger Kompetenz bewiesen haben, über Jahre hinweg ihren Job behalten.

Das Selbstwertgefühl kann sehr darunter leiden. Man reagiert unter anderem gereizt und empfindlich auf Äußerungen anderer Mitmenschen, weil man sie anders auffasst als sie gemeint sind.

Dann wird schon einmal Mitgefühl, das sich in hilfreich gemeinten Vorschlägen und Nachfragen ausdrückt, dahin gehend missverstanden, dass einem indirekt unterstellt werde, man selbst sei nicht ausreichend bemüht oder in der Lage Arbeit zu finden.

Da es allerdings diese Unterstellungen häufig auch tatsächlich gibt und nicht nur das Mitgefühl, sind Zeiten der Arbeitslosigkeit in vielerlei Hinsicht eine besondere Herausforderung, die es zu bewältigen gilt - sowohl im Hinblick auf sich selbst und die Jobsuche als auch im Hinblick auf seine Mitmenschen.

Unverständnis

Wer arbeitslos ist, trifft allenthalben auf Unverständnis. Meist kommt es von Mitmenschen, die keine eigene Erfahrung mit Arbeitslosigkeit haben und die seit Jahren oder seit Jahrzehnten nicht arbeiten mussten oder seither ein und denselben Job ausüben und sich entsprechend lange weder bewerben noch um Arbeit bemühen mussten.

Als Arbeitsloser entwickelt man dann auch ein gewisses Unverständnis, wenn man ausgerechnet von diesen nicht mit der Situation vertrauten Personen zwischen den Zeilen Vorwürfe und vermeintlich gute Ratschläge erhält. Die Qualität der Tipps wird nicht besser durch Quantität, wenn diese auf Wiederholung oder ähnlichen Tipps vieler Tippgeber beruht.

Was von diversen Bewerbungsstrategien und Ratschlägen zu halten ist, findet sich an anderer Stelle in diesem Buch.

Wiederholungen anderer Art erfährt man bei einer typischen Äußerung wie dieser, dass man doch viel Zeit habe. Man hat aber nicht unbedingt viel Zeit, sondern eher mehr Zeit. Wie viel Zeit man als Arbeitsloser tatsächlich hat, kann wohl am besten ermessen, wer

Ebenso unzutreffend ist die Vermutung, dass ein Arbeitsloser mal eben für ein paar Tage irgendwo hin fahren könne. Ohne aufwändige Anträge geht gar nichts, wenn man keine Sperre seiner Bezüge riskieren möchte. Als Arbeitsloser muss man nämlich ständig vermittelbar und täglich erreichbar sein, was bedeutet, dass man einen Termin bei der Arbeitsagentur vereinbaren, eine Ortsabwesenheit beantragen und diese genehmigen lassen muss. Zudem hat man der Arbeitsagentur mitzuteilen, wie und wo man erreichbar ist. Je nach Einschätzung des Sachbearbeiters, wie die Vermittlungschancen des Arbeitslosen für den Zeitraum der geplanten Abwesenheit sind, kann die Ortsabwesenheit - aber muss sie nicht - genehmigt werden.

Verstanden?

Zumutbarkeit

Aus Sicht von vielen Personen, die nicht von Arbeitslosigkeit betroffen sind, ist jede Tätigkeit zumutbar. Den meisten von ihnen ist nicht klar, dass manch Arbeitsloser sogar bereit ist, im Rahmen einer Weiterbildung wochenlang mehrere hundert Kilometer täglich zurückzulegen, weil in der Nähe seines Wohnsitzes keine geeignete Weiterbildung angeboten wird und weil er hofft, anschließend Arbeit zu finden.

Um der Stigmatisierung als Arbeitsloser zu entgehen und um den Lebensunterhalt zu sichern, ist man schnell zu Tätigkeiten gezwungen, die absolut nichts mit der eigenen Qualifikation zu tun haben.

Dabei lassen Nichtbetroffene in der Regel Folgendes außer Acht:

Die psychologischen Aspekte, die die vorgenannten Punkte aufwerfen, werden von denen, die von Zumutbarkeit sprechen ohne sie selbst praktizieren zu müssen, entweder vernachlässigt oder überhaupt nicht thematisiert. Insofern ist auch kaum Unterstützung zum Umgang mit diesen speziellen Herausforderungen oder den daraus entstehenden psychosomatischen Krankheiten zu erwarten.

Relativitätstheorie

Wer arbeitslos ist, wird von Außenstehenden mit einer ganz speziellen Relativitätstheorie, nämlich den Vergleichen zu anderen, vermeintlich erfolgreicheren Personen, konfrontiert, obwohl die Situation der Vergleichspersonen mit der Situation der arbeitslosen Person nicht vergleichbar ist, weil sich Lebenslauf, Lebensverhältnisse, Qualifizierungsgrad, Tätigkeitsbereiche oder andere Voraussetzungen für die Chancen auf dem Arbeitsmarkt unterscheiden. Bei diesen hinkenden Vergleichen schwingt unterschwellig der Vorwurf mit, dass man sich nicht richtig oder nicht ernsthaft um Arbeit bemühe, da man sonst doch den gleichen Erfolg wie die Vergleichspersonen aufweisen könnte. Ebenso werden die Unterschiede bei der Wahrnehmung von Zeit und Raum vernachlässigt. Für Manche ist ein Tag Arbeitslosigkeit bereits schlimm, für Andere ist es erst ein Jahr, weil damit der Status der Langzeitarbeitslosigkeit einsetzt. Der Eine möchte sich verändern und ist bereit, bei Null neu anzufangen, ein Anderer möchte seine über die Jahre aufgebauten Kontakte, Freundschaften, Mitgliedschaften und Besitzstände erhalten oder seinen persönlichen Verpflichtungen bei Familie, Freunden, Vereinen oder Verbänden weiter nachkommen. Was für den Einen in weiter Entfernung scheint, liegt einem Anderen relativ nah. Ein Mensch ist bereit, zur Arbeitsaufnahme ins Ausland zu gehen und hat vielleicht sogar sein Traumland vor Augen, ein anderer hat schon beim Gedanken an Auslandsarbeit Schweiß auf der Stirn, weil es ihn überfordert. Bei manchen Mitmenschen gilt ein Arbeitsloser als nicht wirklich um Arbeit bemüht, wenn er hierzulande keinen Job findet und sich nicht mit Übereifer im Ausland bewirbt - durchaus bei Mitmenschen, die seit Jahren oder Jahrzehnten sesshaft sind, seither keinerlei Besitzstände, Freundschaften und Gewohnheiten aufgeben mussten und sich über nachfolgende Aspekte scheinbar relativ wenig Gedanken gemacht haben.

Rechtfertigungsdruck

Ein enormer Rechtfertigungsdruck entsteht, selbst für die Personen, die nur kurzfristig arbeitslos sind und sich ernsthaft um einen Job bemühen.

Der Rechtfertigungsdruck resultiert aus Stigmatisierung, Unkenntnis, Unverständnis, Zumutbarkeitsvorstellungen, fragwürdigen Vergleichen und Diskriminierung seitens nicht arbeitsloser Mitmenschen und daraus, dass man als Arbeitsloser hofft, die Sicht der anderen in eine andere Richtung lenken zu können, weil man sich mit ungerechtfertigten Vorurteilen konfrontiert sieht.

Man kann dem Rechtfertigungsdruck entgehen, wenn man nicht versucht die Sichtweise der Anderen zu ändern, wenn man sich nicht um die Meinung der Anderen kümmert oder wenn man sich zurückzieht.
Da besagte Mitmenschen sich häufig nicht in die Situation eines Arbeitslosen hineinversetzen können, gleicht der Versuch der Rechtfertigung mitunter einem Anrennen gegen Wände, sodass man sich als Arbeitsloser irgendwann ausgebrannt fühlen kann.

Sich selbst erfüllende Prophezeiung

Ein arbeitsloser Mensch, der von seinen Mitmenschen immer wieder zu spüren und zu hören bekommt, dass er Arbeit hätte, wenn er wirklich wollte, und dass er sich nicht ausreichend bemühe, sondern auf Kosten anderer lebe, wird sich eines Tages die Frage stellen: „Warum soll ich mich weiterhin um Arbeit bemühen, wenn alle anderen mir sowieso nicht glauben, dass ich es tue, und mir unterstellen, ich wolle nicht wirklich arbeiten?”

Solange der Wille, einen Job zu finden, größer als der Frust über das Verhalten der anderen Menschen ist, wird es nichts an dem Bemühen ändern. Doch wenn die Bemühungen über längere Zeit erfolglos bleiben und der Frust über die eigene Ohnmacht und über die Sichtweise der anderen Menschen zunimmt, wird dieser arbeitslose Mensch sich irgendwann sagen: „Eigentlich kann ich tatsächlich die Füße hoch legen und mir ein einfaches, bequemes Leben machen, so, wie man es von mir erwartet. Das Bild, das die anderen von mir haben, ändert sich dadurch schließlich nicht.”

Äußerlichkeiten

Welche Kleidung, welcher Stil ist angemessen?

Bei Vorstellungsgesprächen ist es schwierig im Voraus einzuschätzen, welche Kleidung für die Stelle und das Unternehmen angemessen ist. Aber auch bei einem Termin bei der Arbeitsagentur, dem Jobcenter oder ähnlichen Institutionen gleicht die Kleidungswahl einem Glücksspiel, insbesondere, wenn man ALG2 oder andere Leistungen gemäß SGB erhält.
Durch zu gute Kleidung kann man Neid bei den Behördenmitarbeitern hervorrufen und als Abzocker oder Mensch mit Mitnahmementalität eingestuft werden; bei zu schlechter Kleidung kann man einen schlechten Eindruck vermitteln und negative Vorurteile bestätigen.
Je nach Sichtweise und Wohlstand des Mitarbeiters kann man sich auf Grund von Äußerlichkeiten ganz schnell bei seinem Sachbearbeiter unbeliebt machen.

Ähnliche Balanceakte sind auch bei anderen Gelegenheiten zu vollführen.

Brisante Beziehung

Einen Job mittels Beziehung bzw. vorhandener Kontakte vermittelt zu bekommen, ist manchmal die einzige Chance, die einem Arbeit Suchenden bleibt, birgt aber eine gewisse Brisanz in sich.

Der mögliche Vermittler steht vor der Alternative zu helfen oder sich für nicht geleistete Hilfe rechtfertigen zu müssen. Für ihn besteht die Gefahr, dass später ein Fehlverhalten der vermittelten oder empfohlenen Person auf ihn zurückfällt oder er dafür gerade stehen soll.

Für die vermittelte Person bestehen kaum Möglichkeiten, ein Vermittlungsangebot abzulehnen ohne einem hohen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt zu sein. Für sie wird es dann im vermittelten Job schwierig, wenn sie aus Rücksicht auf den vermittelnden Verwandten, Freund oder Bekannten oder aus Dankbarkeit ihm gegenüber nicht so handeln kann, wie sie möchte oder wenn sie Rücksicht und Dankbarkeit vergessen soll.

Je mehr beide Personen beruflich miteinander zu tun haben, um so brisanter kann es werden, wenn unterschiedliche Auffassungen und Vorstellungen aufeinander treffen oder wenn Eigenarten sich unangenehm bemerkbar werden.

Risiko Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit birgt verschiedene Risiken in sich, einige davon sind:

Chance Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit bringt nicht nur Schwierigkeiten und Risiken sondern auch Vorteile und Chancen mit sich.